Oktober 25, 2007

Samy Deluxe bringt Altona in Ekstase

Maike Schiller

Hamburg – Als Samy Deluxe von der Fabrik-Bühne herunter seinen nächsten Hamburg-Gig verkündet, gerät er kurz ins Stocken. Das Datum weiß er, den Ort auch, aber was war noch gleich der gute Zweck? “Ich mach’ so viele wohltätige Projekte, Alder, ich weiß schon nicht mehr, was was ist.” Wichtig ist ohnehin, dass ist.

Wie diesmal in der Altonaer Fabrik, wo es um ein Ernährungs-Projekt in Malawi geht. Dafür jammt Hamburg City in hochkarätiger Besetzung, neben Samy Deluxe sind Afrob, Ferris MC und die Beginner gekommen. Mehr geht kaum. Vereinte Rhymes für eine bemerkenswerte Initiative, die unterernährte Kinder in Südostafrika vor dem Verhungern bewahren soll. Der Erlös des restlos ausverkauften “Life Beats Malawi”-Konzerts fließt komplett in das spezielle Food-Programm eines amerikanischen Kinderarztes (www.peanutbut terproject.org).

Aber “trotz aller Erklärung sind hier gute Raps die Währung”, heißt es bei Afrob. Also: “Wenn das hier abgeht, Alder, dann dreht ihr verdammt noch mal durch, Alder, Hamburg, Alder!” Und daran wird sich ohne Abstriche gehalten. “Einer für alle, alle für einen”, brüllen die Massen und recken die Hände und schütteln die Frisuren, von der Bühne rühren Samy, Afrob und Jan Delay dazu die dampfende Luft mit ihren Handtüchern durch.

“Das ist Hamburch Ciddy”

Kollektive Ekstase in Altona. Lässig, wuchtig, laut. “Das ist Hamburch Ciddy, wie es früher mal war”, ruft Denyo nach rund dreieinhalb Stunden aufgekratzt, “und das flasht!” So ist es. “Life Beats Malawi” ist an diesem Abend auch Benefiz für Hamburgs HipHop-Gemeinde.

Oktober 25, 2007

5 FRAGEN AN SAMY DELUXE

HH Hamburg nachtschicht

1. MOPO: Mit deinen selbstentworfenen Schuhen bist du bei Reebok in die Fußstapfen von 50 Cent, Jay-Z und Co. getreten. Eine Ehre?

SAMY DELUXE: Ich habe mich für die Leute gefreut, dass sie mit einem Künstler wie mir zusammenarbeiten. Im Ernst: Ich war schon sehr geschmeichelt.

2. MOPO: Inzwischen gibt es bereits die zweite Kollektion. Was habt ihr verbessert?

SAMY DELUXE: Wir haben noch mehr “Deluxe” dazugetan. Mehr Lack, neues Logo und so.

3. MOPO: Du entwirfst auch noch mehr Klamotten. Gehst du jetzt unter die Mode-Designer?

SAMY DELUXE: Ich habe zwar Lust, auf den Textilmarkt vorzudringen. Auf der anderen Seite bin ich schon froh, wenn mir die Leute bei Reebok einen Teil der Arbeit abnehmen.

4. MOPO:Wie läuft dein Crossover-Projekt mit Schulkindern aus Hamburg?

SAMY DELUXE: Bald wird der erste Workshop mit einem Abschlussfest zu Ende gebracht. Die Kids performen ein Lied, was sie mit mir geschrieben haben, und zeigen die bei Marvin erlernten Basketballtricks. Sogar Umweltminister Sigmar Gabriel schaut vorbei.

5. MOPO: Zur Musik – es kursiert hartnäckig das Gerücht, du würdest mit Eminem aufnehmen?

SAMY DELUXE: Das kann er sich gar nicht leisten. Jetzt nur noch Deluxe Artists bei mir!!!

Die exklusiv von Samy Deluxe designten Reebok-Schuhe gibt es seit dieser Woche. Das neue Album von Samy kommt Anfang 2008, eine Tour im Anschluss ist geplant.

Oktober 25, 2007

Kanye West

amerikanischer Rapper/ Produzent

Aktualisierung: 06.07.2007
Redakt.Bearbeitung: 15.09.2006 (09/2006)
Archivtyp: P
Nachname: West
Vorname: Kanye
männlich, lebend Beruf: amerikanischer Rapper/Produzent

Rap/HipHop

Geschlecht: m
Leben: L
* 08.06.1977 Atlanta/GA Geburtsdatum: 19770608
Land: Vereinigte Staaten von Amerika (USA) / Amerika, Nord

Berufliches Wirken:

Kanye West ist einer der wenigen wirklich unverwechselbaren HipHop-Künstler des beginnenden 21. Jahrhunderts. Seine Veröffentlichungen sind durch einfallsreiche und wegweisende Produktionen und innovative, ambitionierte Texte gekennzeichnet. Zugleich macht seine Biografie und seine Persönlichkeit ihn zu einer der interessantesten Figuren des US-amerikanischen Musikgeschäfts. Sein musikalisches Talent hat er dabei schon seit Jahren auf professionellen Produktionen für andere Künstler wie Alicia Keys, Britney Spears und Jay-Z geschärft.

Kanye (Suaheli für “der Einzige”) Omari West wurde am 8. Juni 1977 als Sohn von Raymond und Donda West in Atlanta, Georgia, in den USA geboren. Er wuchs in einer sehr politisierten Familie auf: Sein Vater war in den 70er Jahren kurzzeitig Mitglied bei den “Black Panthers”, seine Mutter eine Aktivistin der Bürgerrechtsbewegung – und schon sein Großvater führte in den 60er Jahren Protestmärsche der Bürgerrechtsbewegung an. Diese politischen Wurzeln sind in W.s Musik, aber auch in seinen sonstigen öffentlichen Äußerungen sichtbar.

Als W. drei Jahre war, ließen sich die Eltern scheiden. Er zog mit seiner Mutter nach Chicago, wo sie eine Stelle als Professorin für Englisch annahm. W. wuchs als Einzelkind auf. Im Alter von zehn Jahren verbrachte er ein Jahr in Nanjing, China, während seine Mutter an einem Austauschprogramm der dortigen Universität lehrte.

W. zeigte früh seine künstlerische Begabung, er malte viel in den Sommern, die er bei seinem Vater in Atlanta verbrachte, und gewann Preise für seine Kunstprojekte und sogar ein einsemestriges Stipendium an der “American Academy Of Art” in Chicago. Entgegen der Erwartungen seiner Eltern verließ er aber sowohl diese Hochschule wie auch die Universität von Chicago, um sich ganz auf eine musikalische Karriere zu konzentrieren.

Seine Mutter kaufte ihm im Alter von 15 Jahren ein Keyboard, auf dem er Beats für seine erste Schulband STATE OF MIND aufnahm. Schon damals zeigte sich sein Talent für das Produzieren von Tracks und das Designen von Beats. No ID, eine wichtige Figur in der Chicagoer HipHop-Szene, wurde in diesen Jahren ein enger Freund und Mentor und sorgte dafür, dass W. sein Talent weiterentwickelte. W.s Karriere machte einen Sprung nach vorne, als No ID ihn dem erfolgreichen Produzenten Jermaine Durpri vorstellte, der W. den Track “Turn It Out” für dessen Album “Life In 1472″ produzieren ließ. Obwohl ein erster geplanter Deal mit “Columbia” nicht abgeschlossen wurde, konnte W. schon bald weitere Erfolge vorweisen. Nachdem er einen Vertrag beim Label “Roc-A-Fella” unterschrieben hatte, produzierte er in den späten 90er Jahren Tracks für The Madd Rapper, Foxy Brown, Beanie Siegel und die Gruppe HARLEM WORLD um den Rapper Mase.

Sein Durchbruch als Produzent erfolgte mit drei Stücken auf dem Album “The Blueprint” von Jay Z. Dort war er Produzent von Samples der JACKSON 5 (“Izzo (H.O.V.A.)”), der DOORS (“Takeover”) und eines Mitglieds der TEMPTATIONS, David Ruffin (“Never Change”). Sein vor allem auf Samples von alten Soul-Stücken basierender Produktionsstil ist dabei zu seinem Erkennungszeichen geworden. Inspiriert wurde er durch RZA, ein Mitglied des WU-TANG CLAN, der ähnliche Techniken benutzte. Dabei erhöhte W. die Geschwindigkeit des Samples und erreichte durch eine Senkung der Frequenzen einen modernen, basslastigen HipHop-Sound.

Die Arbeit mit Jay-Z machte W. zu einem der begehrtesten Produzenten der Branche, in der Folge arbeitete er unter anderem für Alicia Keys, Talib Kweli, Ludacris oder Cam’ron. Obwohl er damit sehr erfolgreich war, wollte W. auch selbst im Mittelpunkt stehen und setzte sich vehement für einen eigenen Plattenvertrag ein.

Trotz seines Erfolges als Produzent und seines Talentes zum Rappen stieß er zunächst auf große Bedenken. Der in einem Vorort statt in einem Ghetto aufgewachsene W. entsprach in keiner Weise dem gängigen Bild eines Rappers mit “street credibility”: Er hatte weder das Auftreten noch den Kleidungsstil, geschweige denn den zumindest halb-kriminellen Lebenslauf, der nach dem Durchmarsch des Gangsta-Rap ab Mitte der 90er Jahre zu einer Voraussetzung für die Vermarktung wurde. Obwohl W. in dieses Image nicht eingefügt werden konnte, gelang es ihm letztendlich, die Chefs des Labels “Roc-A-Fella Records” von seinem Talent zu überzeugen.

Die Arbeit am Debütalbum wurde aber nach kurzer Zeit durch einen Schicksalsschlag überschattet: Nach langer Arbeit im Studio schlief W. am 23. Oktober 2002 auf dem Weg zu seinem Hotel in Los Angeles am Steuer seines Wagens kurz ein und verursachte einen Unfall, den er nur knapp überlebte. Sein Kiefer war an mehreren Stellen gebrochen, und doch nahm er schon zwei Wochen, nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen wurde und während sein Kiefer noch von Draht zusammengehalten wurde, die Single “Through The Wire” auf, die einige Monate später zu seinem ersten Hit wurde.

Das Debütalbum wurde in Anspielung auf sein abgebrochenes Studium “The College Dropout” betitelt. In der ersten Woche nach der Veröffentlichung verkauften sich 441.000 Einheiten. Das Album stieg in den Billboard Charts auf # 2 ein. Mittlerweile wurden über drei Millionen Einheiten verkauft (Stand Juni 2006). Das Album erhielt den “Grammy” für das beste Rap-Album und “Jesus Walks” den “Grammy” für den besten Rapsong.

W. entkräftete viele Vorurteile gegen den modernen HipHop – durch sein Aussehen, seine Musik, seine politischen Äußerungen gab W. dem HipHop eine neue, moderne Perspektive. Er verkörperte eine inhaltliche Wende, weg von Rhymes, die nur Reichtum, Partys, Gewalt und Frauen thematisieren, hin zu gesellschaftskritischen, reflektierenden und auch mehrdeutigen Texten, und erreichte damit viele Leute, die normalerweise keinen HipHop hörten. W.s Songs sind immer wieder überraschend und widersprüchlich. Nach “Through The Wire” veröffentlichte er mit “All Falls Down” einen Song über das Konsumdenken vieler Afroamerikaner und erörterte in “Jesus Walks” die Schwierigkeiten, sein erfolgreiches und hedonistisches Leben mit seinen spirituellen Wurzeln zu vereinbaren.

Vom Magazin “Time” wurde er in die Liste der 100 einflussreichsten Personen der Welt gewählt. Im Frühjahr 2005 erhielt er, nachdem er mit seinem ersten Album für zehn “Grammys” nominiert wurde, drei “Grammys” (Bestes Rap-Album, Beste Rap-Single und für die Produktion des besten R&B-Songs, “You Don’t Know My Name” von Alicia Keys).

Für sein zweites Album mit dem Titel “Late Registration” arbeitete W. mit Jon Brion zusammen, der schon Alben für Fiona Apple und Aimee Mann und Soundtracks für die Filme “Eternal Sunshine Of The Spotless Mind”, “Punch Drunk Love” und “I Heart Huckabees” produziert hatte. Gäste auf dem Album sind unter anderem Jay-Z, Jamie Foxx und Adam Levine, der Sänger der Band MAROON FIVE. W. schaffte es auch auf diesem Album, seinen unverwechselbaren Stil beizubehalten und den Graben zwischen etabliertem, kommerziellen Rap und reflektierten Texten und teils orchestraler Instrumentierung zu überbrücken. Das Album verkaufte allein in der ersten Woche 850.000 Einheiten. Für die “Grammy”-Verleihung im Februar 2006 war W.s zweites Album für acht Ehrungen nominiert, er gewann die Kategorien Best Rap Album, Best Rap Song, Best Rap Solo Performance.

W. war nicht nur Produzent, Rapper und Video-Regisseur, sondern auch Chef seines eigenen Labels mit dem Namen “GOOD Music” (Akronym für “getting out our dreams”). Dort waren u. a. Künstler wie der Rapper Common oder der Sänger John Legend unter Vertrag. Darüber hinaus plante er eine eigene Modelinie unter dem Namen “Pastelle Clothing”. 2006 wurde W. nach U2 und LIMP BIZKIT darum gebeten, für den dritten Teil der “Mission Impossible”-Reihe das Titel-Thema neu zu interpretieren.

W. hat seine Popularität auch für politische Äußerungen genutzt. Er sprach immer direkt über Ungerechtigkeiten – bei einer Benefizveranstaltung für die Opfer des Hurrikans Katrina äußerte W. den schon legendär gewordenen Satz “George Bush doesn’t care about black people”. Als einer der wenigen in der HipHop-Branche hat er sich auch eindeutig gegen die grassierende Homophobie erfolgreicher Rapper ausgesprochen – eine weit unpopulärere Haltung als die Kritik am Präsidenten.

Dieser Mut ging aber auch in ein bis in höchste Arroganz Selbstwertgefühl über. So forderte er vor den “Grammys” 2006 die Jury auf, ihm den “Grammy” für das beste Album zu geben, weil kein anderes an sein Werk heranreiche. Auf seiner “Touch The Sky”-Tour griff er Abend für Abend vor dem Publikum die Kritiker seines Albums an.

2. November 2006 (MA-Journal) – Bei der Verleihung der MTV Europe Music Awards erhält Justin Timberlake, der als Moderator durch den Abend führt, die Preise als bester Künstler und für die beste Popmusik. Christina Aguilera wird als beste Künstlerin geehrt. Depeche Mode erhalten den Award als beste Band, Gnarls Barkleys “Crazy” wird zum “Song des Jahres” gekürt. In der Kategorie “Rock” geht der Preis an The Killers, in “Alternative” an Muse. Kanye West wird als bester HipHop-Künstler ausgezeichnet, die Red Hot Chili Peppers erhalten die Auszeichnung für das beste Album (“Stadium Arcadium”).

7. Juli 2007 (MA-Journal) – Bei einem 24-stündigen Konzertmarathon unter dem Titel “Live Earth” treten in elf Städten auf allen Kontinenten Sänger und Bands auf, um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen und zum Klimaschutz aufzurufen. Das erste “Live Earth”-Konzert startet im australischen Sydney mit einem Auftritt von Crowded House. In Tokio spielt u. a. Linkin Park, in Johannesburg stehen Baaba Maal und UB 40 auf der Bühne. In Hamburg sind Samy Deluxe, Juli, Roger Cicero, Silbermond und Snoop Dogg mit dabei, Höhepunkte des Konzerts in London sind die Auftritte von James Blunt, Metallica, Genesis, Madonna, den Beastie Boys und den Red Hot Chili Peppers. In Rio de Janeiro beteiligen sich Gilberto Gil, Lenny Kravitz und Alanis Morissette. Den Abschluss von “Live Earth” in New York macht – nach Auftritten von Bon Jovi, Alicia Keys und Kanye West – die Band Police.

Werke: Diskographie:

“The College Dropout” (2004), Roc-A-Fella Records / Universal
“Late Registration” (2005), Roc-A-Fella Records / Universal

Werke: Best of, Hitliste:

Through The Wire (2003)
All Falls Down (2004) (m. Syleena Johnson)
Jesus Walks (2004)
Diamonds From Sierra Leone (2005)
Gold Digger (2005) (m. Jamie Foxx)
Heard ‘Em Say (2005) (m. Adam Levine)

(Tom Przybylla)

Oktober 25, 2007

Rap/HipHop

Samy Deluxe

deutscher HipHop-Sänger

Aktualisierung: 06.07.2007
Redakt.Bearbeitung: 15.01.2002 (01/2002)
Archivtyp: P
Nachname: Deluxe
Vorname: Samy
männlich, lebend Beruf: deutscher HipHop-Sänger

Rap/HipHop

Geschlecht: m
Leben: L
* 19.12.1977 Hamburg Geburtsdatum: 19771219
Land: BRD / Europa, Mittel

Berufliches Wirken:

Der populärste Battle-MC Deutschlands ist zurzeit wohl Samy Deluxe. Anfänglich noch als DYNAMITE DELUXE mit DJ Dynamite und dem Beat-Bastler Tropf unterwegs, versuchte es Samy Deluxe seit Anfang 2001 solistisch.

DYNAMITE DELUXE bestehen in der oben genannten Zusammensetzung seit 1994. Es wurden so gut wie alle Gelegenheiten wahrgenommen, live aufzutreten um die eigene Musik zu präsentieren. 1995 entschieden sich Samy Deluxe, Tropf und DJ Dynamite dann, ernsthaft Musik zu machen. Es wurden Tapes bei Jams und Partys verkauft, jedoch nicht nur bei solchen von DYNAMITE DELUXE, auch bei Konzerten der befreundeten FÜNF STERNE DELUXE wurden die Low-Budget-Produktionen unter die Leute gebracht. Die Fangemeinde wurde immer größer, deshalb nahmen sie im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel, dem “Eimsbush Basement” der FÜNF STERNE DELUXE, ABSOLUTEN BEGINNER, FERRIS MC, etc., eine Whitelabel-Maxi auf. “Pures Gift” erschien in einer 500er Auflage und wurde 1998 an einem Wochenende verkauft. Es wurde weiterhin durch die ganze Republik getourt, gemeinsam mit den ABSOLUTEN BEGINNERN und FÜNF STERNE DELUXE. Zu diesen Tourneen erschien ein 8-Track-Tape, das 10.000-mal verkauft wurde. Ein zu dieser Zeit beachtlicher Erfolg für eine deutsche Hip-Hop-Gruppe. 1999 erschien dann eine zweite Vinyl-Maxi, die sich 8.000-mal verkaufte. In diesem Zeitraum unterstützte Samy Deluxe enorm viele Hip-Hop-Bands in Deutschland mit seinen Raps. U. a. STIEBER TWINS, FREUNDESKREIS, DOPPELKOPF, EINS, ZWO und die ABSOLUTEN BEGINNER. Besonders erwähnenswert wäre da der Titel “K2″. Er brachte ganz Eimsbush zusammen und wurde als Single der ABSOLUTEN BEGINNER veröffentlicht. Es gab eine Zusammenarbeit mit Max vom FREUNDESKREIS und den STIEBER TWINS. Auf “Malaria” (1999), stellt Samy einmal mehr seine Battle-Künste unter Beweis. Angeblich hat niemand anders außer ihm dieses Talent, mit solchem Flow und diesen Texten zu battlen. Man kann dazu geteilter Meinung sein, Samy Deluxe zumindest ist von sich überzeugt, der beste Battle- MC zu sein. Nachdem dann die beiden vorausgegangenen Singles, die nur auf Vinyl veröffentlicht wurden, Mitte 1999 noch als Maxi-CD erschienen, verfehlte die Platte nur knapp den Einstieg in die Charts.

Nach Erscheinen der Single “Ladies & Gentlemen” Anfang 2000, die in die deutschen Single-Top-Ten einstieg, wurde kurz darauf das Debut-Album “Deluxe Soundsystem” veröffentlicht. Auf dem Album sind die Dinge zu hören, die Samy am besten kann. Battlen und übers Kiffen rappen. Die Inhalte der Songs sind sich meist ziemlich ähnlich, was ein kleiner Anstoß zur Kritik war. Allerdings bastelten Tropf und DJ Dynamite hervorragende Beats, die dann das Manko der Texte mehr oder weniger “ausbügelten”. Mit dem Song “Lots Of Signs” (feat. Patrice) wurde der Reggae-Part auf der Platte abgetan, ansonsten gab es neben Dendemann und Jan Eißfeldt keine Features auf dem Album. Die nächsten beiden Singles, “Wie jetzt?!” und die “Kiffer-Hymne” “Grüne Brille” platzierten sich auch gut in den Charts. DYNAMITE DELUXE aber wurden Kommerzialismus und Unglaubhaftigkeit in der Hip-Hop-Szene vorgeworfen, weil sie auf einmal überall präsent, auf Samplern vertreten, in Fernsehsendungen zu Gast waren, etc. Nachdem im Sommer auf einigen Festivals gespielt wurde, u.a. “Flash” in Hamburg und “Splash!” in Chemnitz, gab es im Herbst eine erfolgreiche Tour zusammen mit D-FLAME durch ganz Deutschland. Nach einer Pause, die bis Frühjahr 2001 andauerte, kam die Nachricht, dass sich DYNAMITE DELUXE im Einvernehmen getrennt haben, DJ Dynamite wollte solo weitermachen, machte für Samy Deluxe jedoch noch weiterhin einige Beats. Dieser trat fortan solistisch als Samy Deluxe in Erscheinung. Im April 2001 wurde das gleichnamige Album veröffentlicht. Die Vorab-Single “Hab Gehört” stieg wieder hoch in die Charts ein. Auf dem neuen Album sind auch mehr Storytelling-Tracks vertreten als auf dem Vorgänger. Er hat sich auch mehr Unterstützung als im vorigen Album geholt, u.a. von SLEEPWALKER, ILLO 77 und NICO SUAVE. Die nächste Single, “International Love”, war nicht so erfolgreich, folgte auch sofort nach “Hab gehört”. Samy Deluxe erhielt für seine Veröffentlichungen auch Preise: u. a. den “Echo”. Auch rappte er weiterhin für die beliebten “Eimsbush Tapes”.

Im Frühjahr machte er Schlagzeilen mit einer Single, auf der DJ TOMEKK gedisst werden sollte. Er unterstützte dabei DJ DESUE, von dem DJ TOMEKK vor einigen Jahren Beats geklaut haben soll. Danach, im Juni 2001, rapte Samy Deluxe auch einen Part auf dem Tonträger “Adriano (Letzte Warnung)”, auf dem viele afrodeutsche Rapper, wie z.B. TORCH, Xavier Naidoo, SÉKOU und TYRON RICKETTS, gegen Rassismus rappen. Dieser Song ist dem toten Alberto Adriano und allen anderen Opfern und Hinterbliebenen des rechten Terrors in Deutschland gewidmet. Nachdem er im Sommer wieder auf Festivals auftrat, u. a. als Headliner beim “HipHop Open” in Stuttgart und beim “Splash!”-Festival, folgte im Herbst 2001 eine Tour, die zusammen mit KC DA ROOKEEE, DFLAME und den Engländern BLACK TWANG, durch Deutschland, Österreich und die Schweiz und sogar für einen Auftritt in Samys erklärter Lieblingsstadt Amsterdam führte. Kurz vor der Tournee wurde dann noch die Single “Weck mich auf” veröffentlicht, zu der SLEEPWALKER die Beats gemacht hat. Der gesellschaftskritische Song war enorm erfolgreich, hielt sich wochenlang in den Charts, wurde in den Radios und TV-Musikssendern auf und ab gespielt und stieg bis auf Platz 7 der deutschen Single-Charts ein. Nach Beendigung der Tour wollte sich Samy Deluxe eine Auszeit nehmen, um sich um seine Frau Brooke Russel, eine deutsche Rhythm & Blues-Sängerin, und um seinen Sohn zu kümmern.

(MA-Journal) – Im März 2002 wurde Samy Deluxe mit dem “Echo” in der Kategorie “Bester nationaler HipHop-Act” ausgezeichnet.

7. Juli 2007 (MA-Journal) – Bei einem 24-stündigen Konzertmarathon unter dem Titel “Live Earth” treten in elf Städten auf allen Kontinenten Sänger und Bands auf, um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen und zum Klimaschutz aufzurufen. Das erste “Live Earth”-Konzert startet im australischen Sydney mit einem Auftritt von Crowded House. In Tokio spielt u. a. Linkin Park, in Johannesburg stehen Baaba Maal und UB 40 auf der Bühne. In Hamburg sind Samy Deluxe, Juli, Roger Cicero, Silbermond und Snoop Dogg mit dabei, Höhepunkte des Konzerts in London sind die Auftritte von James Blunt, Metallica, Genesis, Madonna, den Beastie Boys und den Red Hot Chili Peppers. In Rio de Janeiro beteiligen sich Gilberto Gil, Lenny Kravitz und Alanis Morissette. Den Abschluss von “Live Earth” in New York macht – nach Auftritten von Bon Jovi, Alicia Keys und Kanye West – die Band Police.

Werke: Diskographie:

Deluxe Soundsystem” (2000), EMI
Samy Deluxe” (2001), EMI

2004 (MA-Journal) – “Verdammtnochma!” (2004), EMI

2005 (MA-Journal) – “Deluxe Records – Let’s Go” (2005), Deluxe/EMI (m.
Illo u. HEADLINERS)

2006 (MA-Journal) – “Deluxe von Kopf bis Fuß” (2006), Hamburgs
Finest/Groove Attack

Werke: Best of, Hitliste:

Ladies And Gentlemen (2000)
Wie jetzt?! (2000)
Grüne Brille (2000)
Lots of Signs (2000)
Hab gehört (2001)
Weck mich auf (2001)

(Josefine Hintze)

Oktober 25, 2007

Rap/HipHop Hard’n’Heavy-Rock

Beastie Boys

US-amerikanische HipHop-Crossover-Band

Aktualisierung: 31.07.2007
Redakt.Bearbeitung: 15.05.2002 (05/2002)
Archivtyp: P
Nachname: Beastie Boys
Gruppe, bestehend Beruf: US-amerikanische HipHop-Crossover-Band

Rap/HipHop
Hard’n’Heavy-Rock

Geschlecht: g
Leben: L
Land: Vereinigte Staaten von Amerika (USA) / Amerika, Nord

Berufliches Wirken:

“Für mich sind die BEASTIE BOYS die aberwitzigste Band der Welt … Drei weiße jüdische Kids aus New York als HipHop-Band und sie sind auch noch gut” (Thurston Moore, SONIC YOUTH).

Die New Yorker “Bleichgesichter-Band” BEASTIE BOYS galt mit ihrem wilden, provokativen Auftreten lange Zeit als der “fleischgewordene Albtraum amerikanischer Eltern” (“Tip”). 1987 erreichte “Licensed To Ill” als erstes HipHop-Album Platz eins in den US-Charts. In den 90er Jahren entwickelten sie ihre eigene Funk-, Rare Groove-, HipHop-Variante und setzten Maßstäbe für die Entwicklung dieses Musikgenres.

Adam Yauch (geb. am 15. August 1967 in Brooklyn) alias “MCA” (Master Of Ceremonies Adam) und Michael Diamond (geb. am 20. November 1965 in New York) alias “Mike D” begannen ihre Musikerkarriere als Party-Hardcoreband, als sie anlässlich MCAs 15. Geburtstag mit drei Freunden rüden Hardcore-Punk spielten. Kurze Zeit später gesellte sich der Sohn des bekannten Bühnenautors Israel Horovitz, Adam Horovitz (geb. am 31. Oktober 1966 in New York) alias “Ad Rock”, dazu, der mit der Hardcore-Formation THE YOUNG AND THE USELESS bereits eine Single veröffentlicht hatte. Man gründete die BEASTIE BOYS. Als Hardcore-Trio machten sie ihrem Namen alle Ehre: MCA spielte Gitarre, Ad Rock Bass und Mike D Drums. Die Söhne aus der gehobenen weißen Mittelschicht ließen alle gesellschaftlichen Schranken hinter sich. Sie lebten gemeinsam in heruntergekommenen Wohnungen, hausten vorübergehend in einem Lieferwagen und jobbten als Milchmann, Hundewäscher und Pizzaverkäufer. 1981 erschien ihre Debüt-EP “Polly Wog Stew” auf dem kleinen New Yorker Independentlabel “Rat Cage”, das acht kaltschnäuzige Hardcoresongs mit bezeichnenden Titeln wie “Egg Raid On Mojo” und “Transit Cop” enthält. 1983 trafen sie auf den jungen Rick Rubin, ebenfalls aus gutem jüdischen Elternhaus, einem Veteranen in der New Yorker Hardcoreszene, der auf der Suche nach einer weißen Band war, die die gängige HipHop-Musik auf ein weißes Publikum projizieren sollte. Die drei BEASTIE BOYS, die mit HipHop, Hardcore und PIL aufgewachsen sind, waren von der Idee begeistert. Mit Rubin, der später zu einem der Topproduzenten im Musikbusiness wurde (u. a. Mick Jagger, SLAYER, LL Cool J), als Turntable-Scratcher verlegten sie ihren musikalischen Schwerpunkt immer mehr von Hardcore auf HipHop. Die Fun-Rap-Single “Cooky Puss” deutete im August 1983 die HipHop-Neigung der drei jüdischen Kids an. Die B-Seite der Single, das Stück “Beastie Revolution”, wurde von der Fluggesellschaft British Airways als Hintergrundmusik für einen Werbespot verwendet, ohne vorher die Erlaubnis der Band eingeholt zu haben. Das Trio reichte Klage ein und bekam 40.000 Dollar zugesprochen, von denen man sich ein Loft in Chinatown einrichtete, wo die Jungs 24 Stunden am Tag ungestört Krach machen konnten.

1985 begleiteten die BEASTIE BOYS Madonna auf deren US-Tour im Vorprogramm. Live spielten sie mittlerweile in klassischer HipHop-Besetzung. DJ Double R (Rick Rubin) und die drei Interpreten warfen ihre schreienden Attacken gegen die Spießergesellschaft im wildesten Rap-Stil ins Publikum. Die Tour mit Madonna wurde zum Fiasko. Die BEASTIE BOYS wurden mit gellenden Pfeifkonzerten empfangen und reagierten darauf mit selbstsicheren rüden Publikumsbeschimpfungen und machten ihrem Namen alle Ehre.

1985 unterschrieb die Band dann bei Rubins “Def Jam”-Label, das an den “CBS”-Konzern angeschlossen war. Die erste reine Rap-Single “Rock Hard” erschien noch im gleichen Jahr. In dem Rap-Film “Krush Groove” spielten sie an der Seite von späteren Stars wie Ll Cool J, Kurtis Blow und den FAT BOYS ihren Song “She’s On It”. Das Debütalbum “Licensed To Ill” wurde 1987 zum Verkaufsschlager. Als erstes Rap-Album erreichte es die Top-Position in den US-Charts. Die Single “Fight For Your Right” wurde zum Top-10-Hit in England und den Staaten. “Ihre Verbindung von kreischenden Gitarrenriffs, stampfenden Beats, herausgeschrienen Reimen, verbunden mit einer Attitüde hochkultivierten schlechten Benehmens” (“Tip”) erwies sich als extrem profitabel, weil es gleichzeitig den Metal- und den Rap-Markt bediente. Der nervig quengelnde Rap des hysterischen Trios zu Rubins gnadenlos trocken hingepratztem Schlagzeug aus dem Sampler war der Sound, mit dem Crossover-HipHop anno 1987 zum ersten Mal um die halbe Welt ging. Ad-Rock, MCA und Mike D. provozierten die Öffentlichkeit mit pubertärem Blödsinn. Ihren Funk-Punk-HipHop präsentierten sie auf der Bühne mit Käfigtänzerinnen, hydraulischen Riesengenitalien und “Budweiser”-Duschen. “Licensed To Ill” verkaufte sich schnell über drei Millionen mal, und die dazugehörige Tour durch die USA und Europa wurde zum Massen- und Medienspektakel. Bis heute gehört “Licensed To Ill” zu den meistverkauften Alben in den Billboard-Pop-Catalog-Album-Charts.

Im Vergleich zu anderen Rap-Größen aus dieser Zeit, wie etwa KOOL MOE DEE, RUN DMC, SCHOOLY D, PUBLIC ENEMY oder BDP, erwies sich der Party-Rap der BEASTIE BOYS jedoch als wesentlich kürzer haltbar. Die Hits “No Sleep Till Brööklyn”, “She’s On It” und “Girls” erreichten zwar allesamt Top-30-Positionen, doch blieben sie ohne Tiefenwirkung. Mit der Bedeutung von HipHop als musikalischer und kultureller Revolution hatte diese Musik insgesamt nur wenig zu tun.

Mit “Paul’s Boutique” wollten die BEASTIE BOYS von ihrem “bad boys”- Image wegkommen. Die drei hatten sich mit “Def Jam” überworfen und waren zu “Capitol Records” gewechselt. Das zweite Album wurde von den TONE LOC- und YOUNG MC-Machern Matt Dike und Jonathan Ross (alias THE DUST BROTHERS) produziert. Mitten in das von DE LA SOUL ausgelöste “Daisy Age”, mit dem der Siegeszug des Sample-HipHop endgültig einsetzte, floppten die BEASTIE BOYS mit ihrem sample-verrückten Album. “Paul’s Boutique”, benannt nach einem Laden in Brooklyn, präsentierte surrealistische Großstadtlyrik zu einem psychedelischen HipHop-Soundgemisch, in dem knapp alle zehn Sekunden ein neuer Sample auftaucht. Die Platte ging – auch nach heutiger Meinung der Musiker – zu Unrecht unter und wurde kaum registriert. Platin-Status erreichte sie später trotzdem.

Nach dem Flop ihrer zweiten LP zogen die Mitglieder der BEASTIE BOYS nach L. A., heirateten, gründeten kleine Firmen und spielten Basketball. Adam Horovitz spielte Ende der 80er Jahre in mehreren TV-Serien und in einigen Spielfilmen mit. In Hugh Hudsons “Lost Angeles” (1989) übernahm er die Hauptrolle an der Seite von Donald Sutherland. Im sonnigen Kalifornien bastelten die BEASTIE BOYS in aller Ruhe an ihrem Comeback. In ihrem eigenen Studio, vollgepackt mit altem Studioequipment, entwickelten sie ihren eigenen Sound und nahmen ein neues Album auf, das sie in Anlehnung an ihre Punk-Wurzeln wieder live einspielten. “Check Your Head” wurde zur Messlatte für Crossover-HipHop-Funk-Platten der 90er Jahre. MCA und Ad Rock phasern, flangern und fuzzboxten an Gitarre und Bass um die Wette, der Keyboarder Ramos Nishita (Money Mark) spielte dazu eine butterweiche Hammond-Orgel, und Mike D. unterlegte das ganze mit einem überraschend funkigen Schlagzeug. Das hochgradig kompromisslose und unkonventionelle Album mischte alten Funk, alten Rap und alten Rock. Als Co-Produzenten verpflichteten die BEASTIE BOYS den Toningenieur Mario Caldato Jr., den sie bei den Aufnahmen für “Paul’s Boutique” kennen gelernt hatten. Die BEASTIE BOYS kombinierten live gespielte Stücke mit gesampelten Loops. Sie ließen den Gast-Rapper Biz Markie zur gesampelten Ted-Nugent-Gitarre reimen und spielten im nächsten Stück einen alten Hardcoresong mit dem Text von Sly Stones “Time For Livin’”. Je nach Laune versuchten sie sich an Rare Groove, Old School Rap, Funk Rock und psychedelischem Acid Jazz.

“Check Your Head” schlug in Underground-Kreisen ein wie eine Bombe. 70er Jahre-Revival und “groovy rhythms” waren plötzlich wieder in und die BEASTIE BOYS waren die Spitze dieser Bewegung. Die Platte, die auch noch als Doppelalbum mit Klappcover erschien, stieg in den USA auch ohne Singlehit bis auf Platz 18 der Charts und erreichte in kürzester Zeit – dank über 1 Million verkaufter Exemplare – Platinstatus. Live präsentierten die BEASTIE BOYS ihre neuen Stücke zunächst noch in klassischer HipHop-Manier mit DJ Hurricane (von den AFROS) als Master an Turntable und DAT-Recorder. Auch Perkussionist Eric Bobo, der später zu CYPRESS HILL ging, begleitete sie bei der Welttournee. Bei ihren Europakonzerten spielten sie dann als Live-Band mit Gitarre, Bass, Schlagzeug, Orgel, Percussion und DJ. Die Mischung aus HipHop-Konzert und live gespieltem Psychedelic-Funk brachte einen der Konzerthöhepunkte des Jahres 1992 hervor.

Die CD “Some Old Bullshit” fasst die Frühwerke der BEASTIE BOYS, die EP “Polly Wog Stew” und die 12-inch “Cooky Puss”, zusammen. Kate Schellenbach, die auf der EP 1982 noch mitwirkte, hat übrigens 1993 mit ihrer Band LUSCIOUS JACKSON ein viel beachtetes Debütalbum eingespielt.

Im Mai 1994 erschien das Album “Ill Communication”, mit dem es die BEASTIE BOYS schafften, ihre Mittlerposition zwischen Mainstream und Underground und zwischen den unterschiedlichsten Szenen zu bestätigen. Die Wahl-Kalifornier hatten sich in der Zwischenzeit ein eigenes Medienunternehmen, bestehend aus Filmagentur, Boutiquenkette, Fanzine und Plattenfirma (“Grand Royal”) aufgebaut. Als Gastrapper wirkten diesmal Q Tip von A TRIBE CALLED QUEST und erneut Biz Markie mit. Auch Eric Bobo und Money Mark waren im Studio wieder dabei. Die Musik ist die konsequente Fortsetzung von “Check Your Head”. Neben den beiden Hardcore-Knallern “Tough Guy” und “Heart Attack Man” enthält die Platte auch wieder einige ruhige Groove-Stücke und experimentelle HipHop-Attacken. “ME/Sounds” sah in “Ill Communication” den “definitiven Großstadt-Soundtrack der 90er”. Der ständige Stimmungswechsel von Stück zu Stück und die verzerrten Vocals sind ein “akustisches Spiegelbild zur Zeit” (“ME/Sounds”, 6/1994). In den US-Charts schoss das Album im Juni 1994 von null auf eins! In diesem Jahr, das einen neuen Höhepunkt ihres Erfolgs darstellt, traten sie erstmals als Headliner bei den “Lollapalooza-Festivals” auf. Die Tantiemen von zwei Songs des “Ill Communication”-Albums, “Shambala” und “Bodhisattva Vow”, gehen seitdem an den “Milarepa Funds”, eine Organisation, die sich für die Befreiung des von China annektierten Tibet einsetzt. Auch die Einnahmen von drei großen Konzerten der BEASTIE BOYS im Mai 1994 gingen auf das Konto.

Die EP “Root Down” erschien 1995 und bietet neben mehreren Versionen des Titelsongs erstklassiges Live-Material. 1995 war für die BEASTIE BOYS auch das Jahr der restlos ausverkauften “Quadrophonic Joystick Action Arena Tour” (u. a. im “Madison Square Garden”, New York, und im “Rosemont Horizon” in Chicago; jeweils binnen einer halben Stunde des Vorverkaufs ausverkauft). Nach dem Ende der Tour nahmen sie die EP “Aglio E Oglio” auf, die 1996 bei “Grand Royal” erschien. Mit einer Gesamtlänge von rund elf Minuten enthält diese EP acht Songs, die eine deutliche Reminiszenz an die Punk-Zeit der Band darstellen.

Die BEASTIE BOYS unterstützten weiterhin aktiv den “Milarepa-Fonds”. Dazu warben sie unter den Musikerkollegen für eine Konzertreihe, die zu der größten Benefiz-Veranstaltung seit “Live Aid” werden sollte. Das erste Konzert zur Unterstützung dieses Projekts fand 1996 in San Francisco statt. Beim “Tibetan Freedom Concert” traten vor rund 100.000 Zuschauern Musiker wie SONIC YOUTH, THE FUGEES, Beck, Björk, RAGE AGAINST THE MACHINE, DE LE SOUL, RED HOT CHILLI PEPPERS auf. Wegen des großen Erfolges fand 1997 ein zweites Konzert zu Gunsten der tibetanischen Menschenrechtsgruppen statt, das später auch durch eine Dreifach-CD dokumentiert wurde. Am 13. Juni 1999 wurde das vierte Konzert dieses Projekts zeitgleich in Amsterdam, Tokio, Sydney und Chicago veranstaltet.

1996 erschien bei “Capitol Records” das Instrumental-Album “The In Sound From Way Out”. Was zunächst als pure Geldschneiderei angesehen wurde – die meisten Songs dieses Samplers waren bereits veröffentlicht – erwies sich als ein Wink an Publikum und Kritik: Bisher wurden die Instrumentalstücke als “Pausenmusiken” der Alben fast übersehen. Es war also mehr als überfällig, dieses pure Groove-Vergnügen auf einer CD zusammenzustellen.

Unter Mitwirkung von Musikern wie Money Mark, Lee “Scratch” Perry, Mixmaster Mike und Kollegen vom “Grand Royal”-Label und in Co-Produktion mit Mario Caldato Jr. entstand 1998 das nächste reguläre Album: “Hello Nasty”. Die Veröffentlichung verkaufte sich innerhalb einer Woche mehr als 600.000-Mal und erreichte Platz eins der US-Charts. Es besticht durch einen äußerst lebendigen HipHop mit einfallsreichen Samples und einem ausgesprochenen Ideenreichtum. Selbstverständlich finden sich wieder einige Ausflüge in andere Genres, so das zuckersüße “I Don’t Know” oder “Picture This” mit einem melancholischen Gesangspart von Brooke Williams und psychedelischen, nervösen Gitarrenriffs. Dieses Album und dessen Single “Intergalactic” brachten der Band viele Preise ein: Das Album wurde mit zwei “Grammys” ausgezeichnet, einmal in der Kategorie “Alternative Music” und außerdem für den Titel “Intergalactic” als “Best Rap Performance”. Das Video zur Single wurde zum “Best HipHop Video” bei den “MTV Video Awards” 1998 gewählt. Bei dieser Veranstaltung erhielten die BEASTIE BOYS einen Spezialpreis für ihr (bisheriges) Lebenswerk. Die Band räumte für “Hello Nasty” so ziemlich alle Umfrage-Preise für das Album des Jahres ab (“Rolling Stone”, “Spin”, “Playboy”, “New Yorker” …). Aber auch für ihre Bühnenshow ließen sich die Musiker wieder etwas einfallen: Zur Eröffnung ihrer “In The Round”- Tournee präsentierten sie sich auf einer drehbaren Rundbühne, die nach jeder Seite für den Blick der Zuschauer offen war. Die Welttournee der Band war auch 1998 wieder ausverkauft. Um denjenigen Fans, die ihre Band nicht live erleben konnten, ein kleines Trostpflaster zu reichen, veröffentlichten die BEASTIE BOYS im Internet kostenlose Livetracks im MP3-Format, was eines der ersten wichtigen Ereignisse im virtuellen Musikgeschäft war.

Obwohl die drei Musiker inzwischen über ihr Debütalbum am liebsten nicht mehr sprechen wollen, kamen sie nicht umhin, auf der 1999 erschienenen “Anthology: The Sounds Of Science” auch den Party-Hit “Fight For Your Right” zu präsentieren. “Anthology: The Sounds Of Science” ist eine ungewöhnliche “Best Of”-Zusammenstellung, auf der sich neben raren Tracks aus Hardcore-Tagen und alternativen Remixes auch unveröffentlichte Songs finden. Alles ist bunt gemischt, also weder stilistisch noch chronologisch geordnet. Als Gastmusiker tritt u. a. Fatboy Slim mit einem Remix von “Body Movin’” in Erscheinung.

Seit diese Doppel-CD erschienen ist, hat man von den Musikern nur wenig gehört. Mehrmals mussten Konzerttourneen abgesagt werden, mal weil einer sich beim Radfahren verletzte, dann wieder, weil sich RAGE AGAINST THE MACHINE, mit denen man die USA betouren wollte, sich von ihrem Sänger trennten. Wenn überhaupt, dann traten sie mit politischen Meinungsäußerungen auf, unter anderem für den Präsidentschaftskandidaten Ralph Nader, von dessen Reden Adam Horovitz sogar einen Remix anfertigte. Es ist ohnehin feststellbar, dass die BEASTIE BOYS sich ihrer Verantwortung für ihre Fans und als erfolgreiche Künstler auch für den Zustand der Welt bewusst sind. Als infolge der Terroranschläge radikaler islamischer Terroristen auf die Türme des New Yorker “World Trade Centers” und das Pentagon am 11. September 2001 eine Patriotismus-Welle die US-Öffentlichkeit bestimmte, traten die überzeugten Pazifisten BEASTIE BOYS mit einer Benefiz-Konzertreihe an, deren Einkünfte zwei Graswurzel-Organisationen (“New York Association for New Americans” und “New York Women’s Foundation”) zugute kamen: Bei den “New Yorkers Against Violence”-Konzerten in New York traten neben den BEASTIE BOYS unter anderem Jon Spencer, Rahat Fateh Ali Khan, DJ Afrika Bambaata, THE B-52S und THE STROKES auf.

Ad Rock hat sich mit BS 2000 in ein Soloprojekt gewagt, das er 2001 auch auf europäischen Bühnen vorstellte. Anfang 2002 erschien eine 2-DVD-Anthologie, die mehr sein sollte als eine Zusammenstellung aller Videos, weshalb der Veröffentlichungstermin jetzt schon mehrfach verschoben wurde. Pläne für ein neues Album wollten die BEASTIE BOYS im Frühjahr 2002 im Studio sondieren.

7. Juli 2007 (MA-Journal) – Bei einem 24-stündigen Konzertmarathon unter dem Titel “Live Earth” treten in elf Städten auf allen Kontinenten Sänger und Bands auf, um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen und zum Klimaschutz aufzurufen. Das erste “Live Earth”-Konzert startet im australischen Sydney mit einem Auftritt von Crowded House. In Tokio spielt u. a. Linkin Park, in Johannesburg stehen Baaba Maal und UB 40 auf der Bühne. In Hamburg sind Samy Deluxe, Juli, Roger Cicero, Silbermond und Snoop Dogg mit dabei, Höhepunkte des Konzerts in London sind die Auftritte von James Blunt, Metallica, Genesis, Madonna, den Beastie Boys und den Red Hot Chili Peppers. In Rio de Janeiro beteiligen sich Gilberto Gil, Lenny Kravitz und Alanis Morissette. Den Abschluss von “Live Earth” in New York macht – nach Auftritten von Bon Jovi, Alicia Keys und Kanye West – die Band Police.

Werke: Diskographie:

Diskographie:
“Polly Wog Stew” (1981), Rat Cage Records (EP)
“Cooky Puss” (1983), Rat Cage Records (EP)
“Licensed To Ill” (1986), Def Jam/Columbia Records
“Paul’s Boutique” (1989), Capitol
“Check Your Head” (1992), Capitol
“Ill Communication” (1994), Grand Royal/Capitol
“Root Down” (1995), Grand Royal/Capitol (EP)
“Aglio E Olio” (1996), Grand Royal (EP)
“The In Sound From Way Out” (1996), Grand Royal/Capitol
“Hello Nasty” (1998), Grand Royal/Capitol

Sampler:
“Some Old Bullshit” (1994), Grand Royal/Capitol
“Anthology: The Sounds Of Science” (1999), Grand Royal/Capitol

(MA-Journal) – “To The 5 Boroughs” (2004), Capitol

(MA-Journal) – “The Mix-Up” (2007), Capitol

Werke: Best of, Hitliste:

Slow Ride (1986)
No Sleep Till Brööklyn (1986)
Fight For Your Right (1986)
Brass Monkey (1988)
To All Girls (1988)
What Comes Around (1992)
Jimmy James (1992)
Funky Boss (1992)
The Blue Nun (1992)
Get Together (1994)
Sabotage (1994)
Heart Attack Man (1994)
Super Disco Breakin’ (1998)
Body Movin’ (1998)
Intergalactic (1998)
Alive (1999)

Literatur zur Gruppe:

Angus Batey, “The Beastie Boys”, Independent Music Press, 1999

Michael Heatley, “The Beastie Boys”, Omnibus Press, 1999

Ari Marcopoulos, Carlo McCormik, Paul D. Miller, “Pass the Mic: Beastie Boys 1991-1996″, Powerhouse Books, 2001

Richard Luck, “The Beastie Boys”, Pocket Essentials, 2002

Gründungsbesetzung:

Adam Yauch (voc), Michael Diamond (voc), Adam Horovitz (voc, dr)

(Thomas Klein, Matthias Zarbock)

Oktober 25, 2007

Der Kö[ner Musiker ist Mitbegründer der afrodeutschen Musiker-Initiative Brothers Keepers.

Darf Gewalt vermarktet werden?

Ade Odukoya über Rassismus und Sexismus im deutschen HipHop

Was ist der Anlass für den Aufruf “Das Schweigen brechen”, euren Appell gegen Rassismus und Sexismus im deutschen HipHop?

Kommerziell erfolgreicher deutscher Rap zeichnet sich zuneh-mend durch gewaltverherrlichende und obszöne Inhalte aus und bedient sich dabei sowohl rassistischer als auch sexistischer Stereotype. Da müssen Grenzen aufgezeigt werden, deshalb appellieren wir an die Radiostationen, solche Stücke nicht mehr zu senden. Außerdem fordern wir das Label Aggro Berlin auf, die Produktion und Vermarktung rassistischer und sexistischer Alben und Videos sowie des dazugehörigen Werbematerials einzustellen. Und wir fordern von Groove Attack die Einstellung des Vertriebs des Albums “Neger, Neger” des Berliner Rappers B-Tight.

Warum?

B-Tight arbeitet mit den übelsten rassistischen Klischees, degradiert Schwarze zu triebgesteuerten Monstern und Frauen ausschließlich zum Sexualobjekt. Hinzu kommt der Gebrauch des Wortes N… Das ist eine Provokation. Wir als Brothers Keepers kämpfen dafür, diesen Begriff komplett aus dem Wortschatz zu streichen.

Nun ist B-Tight aber ein schwarzer Künstler, der sich selbst so bezeichnet.

Das kann kein Persilschein dafür sein, rassistische, sexistische und gewaltverherrlichende Texte vermarkten zu dürfen. Das können wir auch bei einem schwarzen Künstler nicht akzeptieren, denn genauso wird Stereotypen Vorschub geleistet und ein entsprechendes Bild in den Köpfen von Jugendlichen verankert.

Wie kommt es, dass zunehmend Gewalt, Antisemitismus, Rassismus und Sexismus die Inhalte im HipHop bestimmen?

Solche Texte werden nur von wenigen Künstlern vermarktet, die von den Medien zum Sprachrohr nicht-deutscher Jugendlicher stilisiert werden. Ich bin überzeugt davon, dass es sich nur um eine kleine Minderheit handelt, die zum Stellvertreter der Mehrheit ernannt wird. Allerdings müssen wir auch sehen, dass sie das Produkt der Gesellschaft sind, in der wir alle leben. Zumeist als Jugendliche nicht-deutscher Herkunft in Ghetto-Stadtteilen aufgewachsen, präsentieren sie jetzt ihrer Umwelt das Ergebnis dieser Sozialisation: gewalttätig, sexistisch und zunehmend auch fasziniert von religiösem Fanatismus. Damit will ich überhaupt nichts entschuldigen, aber wenn wir über dieses Phänomen reden, dann ‘müssen wir auch über die Ursachen sprechen.

Der Appell richtet sich gegen Rassismus und Sexismus im deutschen HipHop. Mal Hand auf Herz: Sind die Texte der Künstler der Brothers Keepers alle politisch korrekt?

Wenn wir über die Rapper der Brothers Keepers reden, dann sprechen wir über Künstler wie Samy Deluxe, D-Flame, Torch oder Afrob, alles alte Hasen im Geschäft, die einen politischen Hintergrund haben, ihre Meinung nicht einfach möglichst ordinär rauslassen, sondern lyrisch bewandert sind und sich mit ihren Texten sehr viel Mühe geben.

Wie realistisch ist es, mit einem Aufruf diese Art Rap zu unterbinden?

Sinn des Aufrufs ist es, eine Diskussion in Gang zu setzen. Wir werden es nicht bei dem Appell belassen, sondern auch Veranstaltungen, Round-Table-Gespräche zum Beispiel, organisieren. Und wir möchten ein Forum bieten, vor allem für junge Künstler, um ihnen die Möglichkeit zu schaffen, sich mit solchen Themen auseinandersetzen zu können.

Fragen: Birgit Gärtner

Oktober 25, 2007

Deutschlands vergessene Kinder

Psychologie + Partnerschaft

report Sie existieren fast unbemerkt am Rand der Gesellschaft: Die 2,6 Millionen Minderjährigen, die in Armut leben. Die Berliner “Arche” versucht, bedürftigen Kids das zu geben, was sie am dringendsten brauchen: Halt, Zuneigung – und eine warme Mahlzeit

Berlin Hellersdorf. Heimat der Hoffnungslosigkeit. Plattenbausiedlungen, irgendwann in den frühen 80er-Jahren aus dem Boden gestampft. Die Stadtverwaltung versucht ihr Bestes, mit ein bisschen bunter Farbe die Tristesse zu überpinseln; an der Trostlosigkeit hinter den Fassaden ändert das aber wenig. In einer heruntergekommenen Grünanlage spielen ein paar pubertierende Jungs Fußball, jeder eine Zigarette in der Hand und einen coolen Spruch auf den Lippen. Es ist Vormittag, 11 Uhr. Unterricht? Zur Hölle damit! Nirgendwo sonst in Deutschland gibt es so viele Schulabbrecher wie in diesem Viertel. Drei Mädchen, nur unwesentlich älter, schieben gelangweilt Kinderwagen vor sich her. Die Babys darin sind nicht ihre Geschwister. Es sind ihre eigenen.

Marzahn-Hellersdorf ist einer der ärmsten Bezirke der Hauptstadt. Fast jeder Fünfte der rund 250000 Einwohner hat keine Arbeit, jeder Dritte ist unter 18, jede dritte Mutter alleinerziehend. Viele Familien haben nicht einmal genug Geld, um ihre Kinder mit einer warmen Mahlzeit am Tag zu versorgen. Ihr einziger Ausweg: die “Arche”, ein kirchliches Hilfsprojekt, untergebracht in einer aufgegebenen Grundschule, das jeden Mittag kostenlos Essen an rund 400 Kinder und Jugendliche verteilt, sie nachmittags betreut – und ihnen, was viel wichtiger ist, auch Werte vermittelt und Halt und Zuneigung gibt.

Cindy, 14 Jahre alt, sitzt im Speiseraum der “Arche”. Ein Kellerraum, groß, nüchtern, zweckmäßig. An den Wänden hängen bunte, selbst gemalte Plakate mit Verhaltensregeln: Nicht mit dem Essen spielen! Teller zurückbringen! Es gibt Kartoffeln mit Knoblauchquark und Gurkensalat, zum Nachtisch Eis oder Sandkuchen. Wenn die Kinder satt sind und noch Essen übrig ist, dürfen sich auch bedürftige Erwachsene eine Portion holen. Die Nachfrage steigt monatlich.

“Mein Bruder Max und ich kommen jeden Tag nach der Schule hierher”, erzählt Cindy. “Meine Eltern sind beide arbeitslos. Keine Ahnung, wie lange schon. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, dass sie überhaupt mal einen Job hatten.” Ihre Mutter Claudia, 41, hilft seit einiger Zeit ehrenamtlich in der Küche aus. Cindy findet das gut. Aber lieber wäre ihr, Mama würde etwas verdienen: “Dann hätten wir endlich nicht mehr so viele Sorgen, und vielleicht könnte ich dann auch ein Handy haben.”

Vor allem aber bräuchte sich das Mädchen nicht mehr so zu schämen. Vor den Klassenkameraden, deren Eltern zwar auch keine Reichtümer besitzen, aber wenigstens nicht auf Hartz IV sind, und die diesen feinen sozialen Unterschied bei jeder Gelegenheit hinaus-posaunen. Die Cindy fragen, ob sie in der “Arche” Abfall zu essen bekommt und ob ihre Klamotten aus dem Altkleidercontainer stammen.

“Auch zwischen Arm und Arm gibt es Klassenunterschiede”, sagt Bernd Siggelkow, dessen Büro einem Taubenschlag gleicht. Ein Kind nach dem anderen stürmt herein – das eine will wissen, wo die Tischtennisschläger sind, das andere fragt nach dem Gitarrenkurs, das dritte holt sich nur schnell mal eine Umarmung ab. Der Pastor, selbst Vater von sechs Kindern, hat für alle ein offenes Ohr, ein nettes Wort. Zwölf Jahre ist es her, seit er mit seiner Frau in Hellersdorf die erste “Arche” gegründet hat. Mittlerweile gibts noch eine weitere Einrichtung in Berlin und je eine in Hamburg und München. Träger ist das Christliche Kinder- und Jugendwerk e.V. – alle Projekte finanzieren sich allein über Spenden.

In die “Arche” kommen Kinder mit fünf oder sechs Geschwistern, von denen kein einziges seinen biologischen Vater kennt. Vierjährige, die in ihrem kleinen Leben noch keinerlei Zärtlichkeit erfahren haben, die kaum sprechen können, weil sie nie etwas anderes als kurze Befehle gehört haben. Achtjährige Jungs, die not-dürftig den Haushalt schmeißen, weil die Mutter schon seit Monaten zu betrunken dafür ist. 13-jährige Mädchen, die mit jedem ins Bett gehen, der sie nur anlächelt, weil sie Sex mit Nähe verwechseln. Kinder, die jede nur erdenkliche Art von Gewalt, Verwahrlosung, Missbrauch, Alkohol und Drogen kennen.

“Unsere Ziele”, sagt Siggelkow, “gehen weit über Essensversorgung und Lernhilfe hinaus.” Selbstbewusst sollen die Kinder werden, tolerant, konfliktfähig, vorurteilsfrei, kreativ, sozial kompetent. Und sie sollen lernen, ihre Freizeit sinnvoll zu gestalten. Ob Sport, Tanz-, Theater-, Maloder Bibelkurse, Konzerte, Teenagertreffs oder Ferien-angebote – in der “Arche” gibt es alles. Selbst eine “Gummizelle”, in der die Kinder unter Aufsicht ihre Aggres-sionen und ihre Wut auf “dieses Scheißleben” austoben, statt irgendeinem anderen, noch Schwächeren, den Stiefel ins Gesicht zu treten.

“Einmal in der Woche”, erzählt Cindy, “habe ich Zirkusunterricht, auf dem Drahtseil bin ich schon richtig gut.” Fast noch mehr freut sich das Mädchen auf den Dienstagnachmittag: “Da ist immer Kinderparty, da tanzen wir und singen christliche Lieder. Ich stehe zwar sonst mehr auf Nelly Furtado, aber dieses Christliche finde ich gut, es macht mich irgendwie froh. Später möchte ich auch mal einen Job haben, bei dem ich anderen Menschen helfen kann.”

Gemeinsam mit den Sozialarbeitern der “Arche” gehen Cindy und ihr Bruder auch in den Zoo, ins Schwimmbad oder Kino. “Das sind Dinge”, sagt Cindy, “die ich mit meinen Eltern noch nie gemacht habe. Dafür ist kein Geld da.” Zweimal war sie auch schon im Feriencamp, einmal sogar in der Schweiz. Sie ist ungeheuer stolz, als Erste in der Familie schon mal außerhalb von Deutschland gewesen zu sein. Ihr allergrößter Wunsch aber wäre, einmal mit allen zusammen zu verreisen. “Am liebsten ans Meer. Ich hab das im Fernsehen gesehen. Das muss toll sein, dieses Meer!”

Dass die Schere von denen, die sich alles leisten können und mit Luxus um sich werfen, und denen, die ihnen dabei zuschauen müssen, immer weiter auseinanderklappt, findet Pastor Siggelkow alarmierend: “Arme werden zu Außenseitern, kulturelles Leben findet ohne sie statt, das spüren unsere Kinder ganz besonders. Ein Ausflug zum Brandenburger Tor ist für sie bereits eine Weltreise. Wir werden dann schon mal gefragt, ob man dort auch mit Euro zahlen kann.”

Doch so sehr er sich Tag für Tag und Nacht für Nacht bemüht, alles zu tun, was in seiner Macht steht, so nüchtern zieht er Bilanz: “Um es einmal ganz deutlich auszudrücken: Unser Erfolg ist der Miss-erfolg unserer Gesellschaft. Ein Projekt wie die “Arche” sollte es in unserem Land eigentlich nicht geben müssen.”

Nach der neuesten UNICEF-Studie leben in Deutschland 2,6 Millionen Kinder in Armut, das sind mehr als doppelt so viele wie 2004. Doch die finanzielle Not ist bei Weitem nicht das Schlimmste. “Woran es den meisten Kindern wirklich mangelt”, so Siggelkow, “ist Wärme, Zuwendung und Liebe.” Familien wie die von Cindy, in denen es zumindest im Ansatz noch so etwas wie Zusammenhalt gibt, bilden die Ausnahme. “Man muss wissen”, sagt der Pastor, “dass Armut in Deutschland anders aussieht als in den Dritte-Welt-Ländern. Sie ist weniger plakativ, weil sie sich nicht in ausgemergelten Leibern offenbart. Kaum einer verhungert in unserem Land. Armut bei uns zeigt sich in der Orientierungs- und Perspektivlosigkeit der Menschen.”

Und die vererbt sich, von Genera-tion zu Generation. Denn schließlich: Welche Werte, welche Moral soll jemand seinen Kindern vermitteln, der mit 30 bereits seit knapp 15 Jahren arbeitslos ist? Der vom Leben immer nur Dresche bezogen hat? “Solche Leute”, erklärt Siggelkow, “geben auf, sie verlieren den Bezug zum Leben. Irgendwann können sie auch gar nicht mehr arbeiten, sondern verlassen sich auf den Staat. Das ist es, was die Kinder von ihren Eltern lernen.”

Vertraute Menschen zu haben, die immer zuhören, die Rat wissen und auch Grenzen setzen, findet Cindy das Beste an der “Arche”. Es vermittelt Sicherheit in einer Welt, von der man nie wissen kann, wie sie morgen wieder zuschlagen wird. Jetzt aber möchte sich der hübsche Teenie mit den stahlblauen Augen, die immer ein bisschen skeptisch gucken, verab- schieden. Es ist 16 Uhr, die Dienstags-party beginnt. Da will keines der Kinder zu spät kommen. Weil sie wissen, da ist jemand, der auf sie wartet. Auf jeden Einzelnen von ihnen. Jemand, der sie wichtig nimmt. Endlich mal. Gaby Ullmann

Helfen Sie der “Arche” zu helfen…

“Arche”-Gründer Bernd Siggelkow, 43, hat über die vielen Schicksale, die ihm täglich begegnen, ein Buch geschrieben: “Deutschlands vergessene Kinder. Hoffnungsge-schichten aus der ARCHE” ist soeben bei Gerth Medien erschienen. Vom Verkaufspreis von 14,95 Euro geht 1 Euro an das Hilfsprojekt. Wer die “Arche” darüber hinaus unterstützen möchte, kann spenden bei der Bank für Sozialwirtschaft: BLZ 10020500, Kto.-Nr. 3030100. Weitere Infos: goURL(‘www.kinderprojekt-arche.de’); www.kinderprojekt-arche.de

Fotos

Oktober 25, 2007

Marzahn-Hellersdorf und Lichtenberg fehlt die Jugend

NACHRICHTEN

Seit der Wende ist der Anteil junger Leute in Marzahn-Hellersdorf und Lichtenberg überdurchschnittlich geschrumpft. Dort wohnten Ende 2006 nur noch etwa halb so viele unter 20-Jährige wie 1991, teilte gestern der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU) mit. In beiden Bezirken leben dagegen immer mehr Senioren: In Marzahn-Hellersdorf wohnten 150 Prozent mehr Menschen über 65 Jahre, in Lichtenberg liegt das Plus bei 95 Prozent. In beiden Bezirken hat die Bevölkerung um etwa 65 000 Bewohner abgenommen. Wegen der hohen Wohnungsleerstände forderte der BBU eine Fortsetzung des Bund-Länder-Programmes “Stadtumbau Ost”. In den zwei Bezirken liege der Leerstand bei etwa zehn Prozent, in Westdeutschland bei vier Prozent. (dpa)

Oktober 25, 2007

Marzahn-Hellersdorf und Lichtenberg fehlt die Jugend

NACHRICHTEN

Seit der Wende ist der Anteil junger Leute in Marzahn-Hellersdorf und Lichtenberg überdurchschnittlich geschrumpft. Dort wohnten Ende 2006 nur noch etwa halb so viele unter 20-Jährige wie 1991, teilte gestern der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU) mit. In beiden Bezirken leben dagegen immer mehr Senioren: In Marzahn-Hellersdorf wohnten 150 Prozent mehr Menschen über 65 Jahre, in Lichtenberg liegt das Plus bei 95 Prozent. In beiden Bezirken hat die Bevölkerung um etwa 65 000 Bewohner abgenommen. Wegen der hohen Wohnungsleerstände forderte der BBU eine Fortsetzung des Bund-Länder-Programmes “Stadtumbau Ost”. In den zwei Bezirken liege der Leerstand bei etwa zehn Prozent, in Westdeutschland bei vier Prozent. (dpa)

Oktober 25, 2007

Nackte Tatsachen gegen das Plattenbau-Image

Neuer Aktkalender will den Ruf von Marzahn-Hellersdorf aufpolieren und mit Vorurteilen aufräumen. Großes Echo aus Übersee

Von Ingo Rößling

Marzahn-Hellersdorf - Als fotogene Liebeserklärung an ihren Heimatbezirk ließen 31 junge Marzahner für einen Kalender wieder die Hüllen fallen. Im Adams- und im Evakostüm wollen sie 2008 jeden Monat wie schon in diesem Jahr vor Sehenswürdigkeiten, auf Plätzen und in der Natur mit dem grauen Plattenbau- Image von Marzahn-Hellersdorf aufräumen. Ihr Anliegen steht groß auf dem Kalender: “Marzahn- Hellersdorf ist modern, jung, bunt, tolerant und sexy”. Mit nackten Blickfängen vor illustren Wahrzeichen und Schauplätzen wird das Motto frech untermalt.

So posieren die Jugendlichen im und vor dem Gründerzeitmuseum Charlotte von Mahlsdorfs, im alten Marzahner Dorfkern, vor der Bockwindmühle und in blühenden Parks vor sanierten Hochhäusern oder am Elsensee. Erstmals sind auch Ausländer und Migranten in Szene gesetzt worden, darunter ein Tschetschene, Mosambikaner und ein chinesischer Student. Sie strahlen wie alle anderen auch pure Lebenslust aus.

Die Idee zur “coolsten Werbeaktion für unseren Heimatbezirk”, wie er sagt, hatte 2006 Hobby-Fotograf Sebastian Blumreich (24). In der internationalen Begegnungsstätte “pro-social” am Blumberger Damm, seinem jetzigen Arbeitsplatz, rief er für den 28-seitigen Wandkalender 2008 mit Mitstreitern die Initiative “Jeder anders – alle gleich” ins Leben. Blumreich: “Es wurmte uns, dass unser Bezirk oft als eine graue, trostlose Welt, ja sogar vor der Fußball-WM als No-go-Area für Ausländer dargestellt wurde.” Gegen diese Vorurteile, Klischees und Diffamierungen wolle man sich auf nackte provokante Art zur Wehr setzen. Das war schon mit dem Kalender 2007 gelungen. Projektleiter Hans-Jörg Muhs: “Wir hatten Bestellungen aus ganz Europa mit dem Versprechen, beim nächsten Berlin-Besuch keinen Bogen um Marzahn zu machen.” Jetzt ist das Presseecho sogar nach Übersee rübergeschwappt. Zeitungen und Magazine in den USA, Kanada und Australien warben für den Kalender. So schrieb das australische Blatt “The Age”; “Deutsche verraten die nackte Wahrheit über ihre Stadt.” Der “Sydney Morning Herald” stellte fest, dass eine sogenannte No-go- Zone im Osten Berlins alles für neues offenes Gesicht tut.

Kalender im Internet

goURL(‘www.pro-social.de’);www.pro-social.de


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